Digitalisierung im Mittelstand

//Digitalisierung im Mittelstand

Das Smartphone jederzeit griffbereit, E-Mails werden auf dem Handy per Spracheingabe beantwortet und Bestellungen lassen sich von jedermann bequem und schnell per App erledigen. Der digitale Wandel verändert unseren Alltag und das Geschäftsleben mit rasanter Geschwindigkeit. Moderne Informations- und Kommunikationstechnologien erleichtern viele Arbeitsprozesse, teilweise allerdings mit so rasanter Geschwindigkeit, dass viele Unternehmen bei den damit verbundenen Anpassungen kaum mehr Schritt halten können.

Neue, digitale Technologien stellen derzeit klassische Vertriebs- und Produktionsmodelle und die damit verbundenen Geschäftsprozesse völlig auf den Kopf. Nach Mechanisierung, Elektrifizierung und Rationalisierung nun also die vierte industrielle Revolution! Wirtschaft und Industrie 4.0 – das ist für viele Unternehmen eine echte Herausforderung: Losgrößen gehen gegen eins, Produktionszyklen werden immer kürzer, Innovationen kommen immer schneller auf den Markt und völlig neue –häufig kostenlose- Dienstleistungen entstehen. Auch mittelständische Betriebe müssen sich plötzlich dem globalen und nicht mehr nur dem regionalen Wettbewerb stellen.

 

Digitalisierung in mittelständischen Unternehmen 

Dabei ist die Digitalisierung eine echte Chance für den deutschen Mittelstand, der sich durch einen rechtzeitig angestoßenen Planungs- und Umsetzungsprozess neu erfinden und für die Zukunft wettbewerbsfähig machen kann. Durch die gezielte Ansprache von Kunden, durch intelligente Vernetzung von Lieferanten, Kunden, Verwaltung und Behörden, durch die systematische Analyse großer Datenmengen oder durch eine effizientere Produktion können völlig neue Wege gegangen und Wachstumspotenziale ohne erhöhten Resourcenverbrauch genutzt werden.

Die „digitale Transformation“ -wie dieser Wandel auch genannt wird- betrifft alle Branchen und erfasst die gesamte Wertschöpfungskette eines Unternehmens: von der Kundenakquise, Produktion, Vertrieb, Reklamation und Rückgabe, über Lieferantenbeziehungen bis hin zu vielen internen Prozessen wie Informationsverteilung und das Personal- und Wissensmanagement. Etablierte Geschäftsmodelle werden in Frage gestellt, völlig neue Geschäftsprozesse und Marktteilnehmer entstehen. Der Wandel eröffnet angestammten Unternehmen neue Märkte, während zugleich branchenfremde auf angestammte Märkte drängen.

 

Ergebnisse einer Studie der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) 

Doch offenbar erkennen viele deutsche Unternehmen die Tragweite des Themas noch nicht, zaudern und zögern oder scheitern bei der Digitalisierung an Management- und Umsetzungsfehlern.  Zu diesem Ergebnis kommt jedenfalls eine Studie der Gesellschaft für Konsumforschung Nürnberg (GfK), für die Führungskräfte und Vorstände von etwa 2.000 Großunternehmen und im Mittelstand befragt wurden.

 

Immerhin gibt jedes 4. Unternehmen in Deutschland bei der Studie an, dass der Stellenwert der Digitalen Transformation im Jahr 2015 deutlich gestiegen sei, ein weiteres Drittel stellt einen gestiegenen Stellenwert fest. Doch obwohl damit rund 60 Prozent der Firmen die wachsende Bedeutung sehen, nennen gerade einmal 35 Prozent die Digitale Transformation als eines ihrer 3 Top-Themen und nur ganze 5 Prozent als das wichtigste Thema im Unternehmen.

 

Neben mangelndem Interesse der Chefetage hat die Studie „vor allem die Verteidigung bestehender Strukturen in den Unternehmen“ als größtes Hindernis (65 Prozent) ausgemacht. Je größer das Unternehmen ist, desto häufiger wurde dieser Aspekt angeführt.

Als weitere Hürden nannten viele der Befragten „fehlende Zeit“ (54 Prozent) und „fehlende Erfahrung“ (52 Prozent). 40 Prozent sagten zudem, dass „notwendige weitreichende und radikale Entscheidungen von den Führungskräften gescheut würden“ oder man „zu festgefahren sei“.

 

Digitalisierung als große Chance für den Mittelstand

Doch wer jetzt nicht in Digitalisierung investiert, überlässt die Wertschöpfung kampflos großen Technologiekonzernen wie Google, Amazon, Apple oder auch ganz neuen digitalen Angreifern, die in angestammte Märkte drängen.

„Die größte Gefahr gehe dabei gar nicht von den etablierten Wettbewerbern aus, mit denen man sich seit Jahren messe. Man müsse sich vielmehr überlegen, in welchem Hinterzimmer Studienabgänger zwar ohne jede Branchenkenntnis dafür aber mit digitalem Background und frischen Ideen gerade die Revolution ausriefen“, so ein schwäbischer Mittelständler, der nicht näher genannt werden möchte.

Das größte dieser neuen Unternehmen kommt übrigens ohne jede Erstellung eigener Inhalte aus (Google), Facebook schwingt sich ohne eigene Redaktion zum Big Player der Medienindustrie auf. Apple lehrte den Musikkonzernen und gerade wieder mit einem Zahlungssystem sogar angestammten Banken das Fürchten. Amazon und der Onlinehandel schwächen den Buch– und Einzelhandel und Uber revolutioniert den Taximarkt ohne selbst ein einziges eigenes Taxi zu betreiben.

Das alles geschieht international und -wie bei digitalen Projekten recht häufig- erst in Nischen und recht lautlos, ganz plötzlich dann aber mit enormer Geschwindigkeit und Konsequenz. Gewerkschaftliche oder staatlich regulative Hürden werden die energiegeladene digitale Reise dabei allenfalls kurzzeitig bremsen, aber keinesfalls ernsthaft aufhalten können.

 

Praktische Hürden der Digitalisierung

Spannende Innovationsvorhaben scheitern heute ebenso wie in der Vergangenheit nicht selten an unternehmensinternen Widerständen. Tragisch wird es immer dann, wenn dadurch der Fortbestand des gesamten Unternehmens gefährdet ist. Vermutlich durch diese Bedenken –oder sollte man es besser Angst nennen- getrieben, haben die Vorstände zweier bedeutenden Unternehmen entschieden, Digitalprojekte zunächst außerhalb des Unternehmens in einem geschützten Raum zu starten. Denn Widerstände gegenüber Neuerungen in Organisationen seien deutlich kleiner, wenn der Erfolgsnachweis schon erbracht wurde. Man möchte ihnen dabei gerne Erfolg und die notwendige Zeit wünschen.

 

Doch all das erinnert fatal an die Hilflosigkeit der Druckbranche im Umgang mit der damals noch jungen Konkurrenz des Digitaldrucks. Zunächst belächelt und gezielt im Markt behindert, dann der Versuch durch Preisdumping klein zu halten. Die Etablierten sturmreif geschossen, die das Neue nicht aufhalten könnten. Gnadenlos überrannt und am Ende das systematische und fast vollständige Sterben der Gutenberg´schen Zunft und Tradition.

 

In der Umsetzung und in letzter Konsequenz bedeutet die Digitalisierung in den meisten Branchen und Fällen also einen massiven Angriff auf das Kerngeschäft – sowohl vom etablierten Wettbewerb also auch und insbesondere von neuen Marktteilnehmern. Diese Tatsache sollte man nicht unterschätzen.

 

Die wesentliche Voraussetzung für eine erfolgreiche Digitalisierung

Die weitaus wichtigste Voraussetzung für eine erfolgreiche Digitalisierung ist deshalb, dass Geschäftsführer und Vorstände das Thema zur Chefsache machen. Dass sie alle Mitarbeiter von Anfang an aktiv in den Transformationsprozess einbinden, deren Kreativität und Leistungsbereitschaft nutzen und dass sie die Entwicklung von Innovationen losgelöst von bestehenden Strukturen fördern und unternehmenskulturell zulassen.

 

Aktuell wird jedoch in nicht einmal der Hälfte der Unternehmen (48 Prozent) die Umsetzung der Digitalen Transformation durch Mitglieder des Vorstands oder der Geschäftsführung gesteuert. Dieser Anteil muss spürbar steigen, schließlich geht es bei der Umsetzung an tiefverwurzelte Unternehmensprozesse. In fast drei Viertel der Unternehmen (76 Prozent) ist allerdings die hauseigene IT-Abteilung mit der Digitalisierung beauftragt, was höchst kontraproduktiv ist:  man denkt in der Regel nur innerhalb bestehenden Strukturen – ohne die IT-Abteilung selbst und deren Kultur einmal ernsthaft in Frage zu stellen.

 

Seien wir also gewarnt! Wegducken oder Aussitzen ist keine nachhaltige Lösung. Totschweigen und der Hinweis, man habe es nicht besser gewusst, aber auch nicht.

 

Herzlichst Euer Hans-Peter Weiß

Wir danken unserem Partner und Kollegen, Hans-Peter Weiß, white!box Wirtschaftsnavigation, für diesen Beitrag.

Bildquelle: pixabay.com/geralt

geschätzt besonders in unsicheren Zeiten, ideenreich, fortschrittlich