Feedback versus Wahrhaftigkeit

//Feedback versus Wahrhaftigkeit

Wahrhaftigkeit als Faktor persönlichen Wachstums

Lesedauer: ca. 6 Min.

 

Je höher Führungskräfte auf der Karriereleiter stehen, desto weniger kann mit offenem und aufrichtigem Feedback gerechnet werden. Das ist Fakt. Einerseits scheint es verständlich, dass es daran mangelt. Andererseits ist es ein großes Dilemma.

 

 

Zwei Beispiele

# 1

Ein Unternehmen stand vor der Herausforderung, das schnelle Wachstum in strategischere Bahnen zu lenken. Dazu holte sich der CEO des Konzerns einige Berater ins Boot. Gleichzeitig heuerte er Coaches für seine Führungsmannschaft an. Die Führungskräfte sollten ebenfalls auf Kurs gebracht werden.

 

Es gab zahlreiche Meetings und Klausurtagungen. Hier traute sich jedoch kaum einer der Führungskräfte dem patriarchalischen Chef offen gegenüberzutreten.

 

Ein kleiner Einblick in die Wenn & Abers, die vielen Lesern bekannt vorkommen dürften:

  • … dann feuert er mich. Das kann ich mir nicht leisten. Meine Familie …
  • … unsere Ideen will er ja gar nicht hören. Wie oft haben wir in der Vergangenheit schon versucht …
  • … mit dem kann man doch überhaupt nicht reden. Bei der kleinsten Kleinigkeit geht er die Decke hoch. Dann hören wir nur wieder einen seiner Monologe.
  • … der will doch nur seinen Kopf durchsetzen. Um die anderen kümmert der sich doch …

 

 

# 2

Ein Unternehmen zieht in Erwägung, die Führungsmannschaft fortzubilden. Die Führungskräfte sind irgendwann mal in ihre Führungsrolle berufen worden, ohne sie jedoch darauf vorzubereiten. Sie weiterzubilden ging im operativen Tagesgeschäft unter, oder war den Führungskräften selbst überlassen worden. Es fehlt teilweise an solidem und zeitgemäßem Führungswissen.

 

Der Geschäftsleitung möchte die Versäumnisse der Vergangenheit nachholen.

 

Man will den Führungskräften unter anderem Einzelcoachings anbieten. Was konkret sich je Führungskraft messbar und nachweislich verbessern soll, will die Geschäftsleitung im Vorfeld nicht unmittelbar mit den Führungskräften besprechen. Dies soll der Coach mit der jeweiligen Führungskraft individuell klären. Als Begründung wird unter anderem genannt „ wir befürchten, dass Herr xy kündigt, wenn wir ihm offen sagen, dass er nicht wirklich gut führen kann“.

 

 

Was lässt sich aus den Beispielen ableiten?

 

| Systeme haben das Bestreben, sich zu erhalten.

 

Anstehende Veränderungen scheinen zwar offensichtlich, jedoch vermeintlich schwer umsetzbar. Mitnichten.

Im Ergebnis spiegelt sich in beiden Fällen wieder, was uns als Unternehmensberater & Führungskräfteentwickler immer wieder begegnet. Ich nenne es „fehlende Wahrhaftigkeit“.

 

 

Wahrhaftig sein bedeutet für mich, eine gereifte (Führungs)-Persönlichkeit sein, die in erster Linie sich selbst gegenüber offen und ehrlich sein kann. Eine Person, die ihre berufliche und persönliche Situation realistisch einschätzt, auch in Bezug auf Vision, Werte, Stärken, Schwachstellen, Denk- und Verhaltensweisen usw. Und das unabhängig davon, ob es im Unternehmen Führungsleitlinien gibt.

 

Wahrhaft sein ist eine Denkhaltung, die das Offensichtliche auch für einen selbst sichtbar macht. Hierzu zählt die Bereitschaft, das für wahr Gehaltene zu überprüfen. Und im besten Fall mit den Kollegen und Mitarbeitern darüber offen zu sprechen und zu hinterfragen.

 

 

Mögliche Lösungen

Bezogen auf Beispiel 1 bedeutet das: der CEO des Unternehmens reflektiert sich, seine Situation und sein Umfeld. Er erkennt, seine eigene Ohnmacht, teilweise auch seine Angst, die sich in der Ohnmacht und Angst seiner Führungscrew wiederspiegelt. Denn die Crew „schweigt“ in den Meetings zu den akuten Problemen des Unternehmens. Außerhalb der Meetings wird jedoch rege darüber gesprochen, was man anders machen könnte.

 

Im Beispiel 2 bietet sich ein Workshop an. Wo die Geschäftsleitung mit der Führungscrew die Ausrichtung des Unternehmens, des Personals einschließlich der Führungsmannschaft auf das 21. Jahrhundert in den Raum stellt. Offen darüber diskutiert, welche Auswirkungen sich daraus für alle und das Unternehmen ergeben. Entsprechende Maßnahmen ableitet und bei Bedarf mit externer Hilfe dauerhaft umsetzt.

 

 

Fazit

Wahrhaftig sein, bedeutet offen ansprechen was ist. Das setzt Mut auf beiden Seiten voraus, denen die führen und denen, die geführt werden. Dieser Mut zeigt sich in vier Bereichen. Dem intellektuellen Mut, dem emotionalen Mut und dem moralischen Mut. Der spirituelle Mut, der Mut des Herzens und der Seele, ist wohl der stärkste. Wahrhaftigkeit hat deshalb für mich auch mehr Inhalt als Feedback.

 

Es ist wie im Märchen „Des Kaisers neue Kleider“. Dort offenbart ein Kind die Nacktheit des Kaisers und sagt furchtlos die Wahrheit. Kinder kennen (kaum) keine Angst – sie kennen die Götter der Gier, des öffentlichen Ansehens und der Konformität nicht. Kinder sind wahrhaft Meister des Mutes.

 

Wahrhaftigkeit hat einen wunderbaren Wegbegleiter, die Kraft. Die Kraft, über uns selbst hinauszuwachsen und unseren Beitrag für notwendige Veränderungen zu leisten. Das wiederum zieht Wachstum in allen Bereichen, beruflich und privat, nach sich.

 

Das Wachstum der eigenen Persönlichkeit gelingt uns mit Hilfe eines vertrauensvollen Sparringspartners schneller und zielgerichteter. Vorausgesetzt natürlich, wir wollen mehr über uns erfahren.

 

Herzlichst

Christine Riederer

 

Bildquelle: pixabay.com/HeungSoon

erdverbunden, einfach natürlich, mittendrin und "direktemang"